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EU AI Act Omnibus: Was die Verschiebung der Hochrisiko-Regeln für die klinische Forschung bedeutet

by 21Stable Team

Am 7. Mai 2026 erzielten das Europäische Parlament und der Rat eine vorläufige politische Einigung über den **Digital Omnibus** – ein Paket zur Vereinfachung des EU AI Act, das die Compliance-Fristen für Hochrisiko-KI-Systeme grundlegend verschiebt[1]. Für die klinische Forschung und Medizinprodukte-Hersteller hat dieser Deal unmittelbare Konsequenzen.

Die neuen Fristen: Wer muss wann compliant sein?

Der ursprüngliche AI Act (Verordnung EU 2024/1689) sah vor, dass Hochrisiko-Verpflichtungen für KI-Systeme mit eigenständigen Anwendungsfällen (Annex III) ab dem **2. August 2026** gelten – also in weniger als sechs Wochen. Für KI-basierte Medizinprodukte (Annex I, Artikel 6(1)) galt der **2. August 2027**[1,2].

Der Omnibus verschiebt beide Deadlines:

Die neuen Daten sind als **Long-Stop-Dates** formuliert: Selbst wenn die harmonisierten Standards bis dahin nicht vorliegen, greifen die Verpflichtungen spätestens zu diesen Terminen[2].

Der Product-Safety-Exemption-Streit: Deutschland vs. Parlament

Die kontroverseste Frage der Trilog-Verhandlungen war, ob KI in CE-gekennzeichneten Medizinprodukten primär dem AI Act oder den bestehenden Produktsicherheitsgesetzen (MDR/IVDR) unterliegen soll[2].

Deutschland und verbündete Mitgliedstaaten drängten auf eine Product-Safety-Exemption: Medizinprodukte-Hersteller durchlaufen bereits eine strenge Konformitätsbewertung durch Benannte Stellen unter MDR/IVDR – eine doppelte Regulierung schaffe unnötige Belastung.

Das Europäische Parlament widerstand breiten Ausnahmen mit dem Argument, dass der AI Act KI-spezifische Anforderungen (Daten-Governance, Transparenz, menschliche Aufsicht) stellt, die über MDR/IVDR hinausgehen. Eine Herausnahme von Medizinprodukten aus dem AI Act würde eine Lücke im KI-spezifischen Patientenschutz schaffen.

Der Kompromiss: KI-basierte Medizinprodukte bleiben automatisch als Hochrisiko eingestuft, aber mit praktischen Vereinfachungen[2]:

  • Ein einziges Konformitätsbewertungsverfahren deckt sowohl AI Act als auch MDR/IVDR ab
  • Benannte Stellen können AI-Act-Compliance parallel zur MDR/IVDR-Bewertung prüfen
  • Technische Dokumentation kann integriert statt dupliziert werden
  • Was bedeutet das für klinische Studien?

    Die Verschiebung hat drei direkte Implikationen für die klinische Forschung:

    1. KI in der Patientenrekrutierung: Annex III oder nicht?

    KI-Systeme, die für das Patient-Trial-Matching eingesetzt werden, fallen potenziell unter Annex III §5(a) – KI zur Bestimmung des Zugangs zu wesentlichen öffentlichen Dienstleistungen, einschließlich Gesundheitsversorgung[3]. Mit der Verschiebung auf Dezember 2027 gewinnen Sponsoren und CROs ein Jahr zusätzliche Vorbereitungszeit. Allerdings: Die Transparenzpflichten nach Artikel 50 (Kennzeichnung von KI-Interaktionen) gelten bereits ab **2. August 2026** und sind von der Verschiebung nicht betroffen[1].

    2. KI als Prüfprodukt: Die Research-Exemption-Frage

    Eine im Januar 2026 in *npj Digital Medicine* publizierte Analyse von Meszaros et al. zeigt ein fundamentales Problem: Die **Research Exemptions** des AI Act unterscheiden zwischen Entwicklungsphase („development-phase exemption") und wissenschaftlicher Nutzung („scientific-use exemption") – doch in der modernen KI-Forschung verschwimmen diese Grenzen zunehmend[4].

    Konkret: Wenn ein KI-Modell im Rahmen einer klinischen Studie mit echten Patientendaten interagiert, ist es dann noch „in Entwicklung" oder bereits „in Betrieb genommen"? Die Autoren warnen vor **regulatorischer Arbitrage** – der strategischen Umdeklarierung von KI-Systemen als „Forschung", um Compliance-Pflichten zu umgehen[4].

    3. Daten-Governance und Bias-Mitigation

    Der Omnibus erlaubt nun explizit die Verarbeitung personenbezogener Daten, soweit dies **zur Erkennung und Korrektur von Bias** in Hochrisiko- und Nicht-Hochrisiko-KI-Systemen erforderlich ist[1]. Für die klinische Forschung ist dies relevant: Bias-Audits von Rekrutierungsalgorithmen – die demografische Repräsentativität prüfen – werden rechtlich abgesichert.

    Die Kritik: Deregulierung vor dem ersten Enforcement?

    Nicht alle begrüßen die Verschiebung. Ein im Juni 2026 von **European Digital Rights (EDRi), AlgorithmWatch, Amnesty International** und weiteren Organisationen publiziertes Positionspapier bezeichnet den Omnibus als „Rollback von KI-Schutzmaßnahmen, bevor sie überhaupt angewendet wurden"[5].

    Die zentralen Kritikpunkte:

  • Harmonisierte Standards als Vorwand: Dass Standards fehlen, sei kein Grund, Fristen zu verschieben – die Industrie habe seit 2021 Zeit zur Vorbereitung gehabt.
  • Selbstbewertung als Schlupfloch: Die Möglichkeit für Anbieter, ihre Systeme selbst als „nicht hochriskant" einzustufen, reduziere die Rechenschaftspflicht.
  • Product-Safety-Exemption als Präzedenzfall: Die Ausnahme für Maschinenprodukte könne auf andere Sektoren ausgeweitet werden und den AI Act aushöhlen[5].
  • Auch der **Ständige Ausschuss der Europäischen Ärzte (CPME)** äußerte sich kritisch: In Amendments vom März 2026 forderte der CPME, dass KI im Gesundheitswesen – insbesondere in der Diagnostik und Therapieentscheidung – **nicht** unter die Product-Safety-Exemption fallen dürfe, da MDR/IVDR keine KI-spezifischen Transparenz- und Bias-Anforderungen enthalte[6].

    Die Forschungsperspektive: Was jetzt zu tun ist

    Eine im Juni 2026 in *Frontiers in Digital Health* publizierte Policy-Analyse gibt konkrete Handlungsempfehlungen für Gesundheitseinrichtungen[3]:

  • **Mapping:** Jedes KI-System muss gegen Artikel 6 geprüft werden – fällt es unter MDR/IVDR (Annex I), Annex III §5(a) oder ist es außerhalb des Scope?
  • **Integrierte technische Dokumentation:** Ein einziges Technical File, das MDR/IVDR-Clinical-Evaluation und AI-Act-Annex-IV-Anforderungen abdeckt.
  • **Daten-Governance-Audit:** Repräsentativität der Trainingsdaten, Bias-Testing und DSGVO-Artikel-9-Compliance für Gesundheitsdaten.
  • **Deployer-Obligations:** Kliniken als „Deployer" müssen menschliche Aufsicht sicherstellen, schwerwiegende Vorfälle innerhalb von 15 Tagen melden und Fundamental-Rights-Impact-Assessments durchführen[3].
  • Fazit

    Der EU AI Act Omnibus ist ein zweischneidiges Schwert. Die verlängerten Fristen geben der klinischen Forschung dringend benötigte Zeit für die Implementierung – insbesondere angesichts der Tatsache, dass der erste harmonisierte Standard (prEN 18286 für Qualitätsmanagementsysteme) erst im Oktober 2025 in die öffentliche Kommentierung ging, acht Monate hinter dem ursprünglichen Zeitplan[2].

    Gleichzeitig ist die Gefahr real, dass die Verschiebung als **De-facto-Deregulierung** wirkt. Die kommenden 12–24 Monate werden zeigen, ob die Industrie die zusätzliche Zeit für robuste Compliance nutzt – oder ob der Omnibus lediglich den politischen Druck aus der Debatte nimmt, ohne die Patientensicherheit substanziell zu verbessern.

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    Key Findings

    On May 7, 2026, the European Parliament and Council reached a provisional political agreement on the **Digital Omnibus** – a simplification package for the EU AI Act that fundamentally shifts compliance deadlines for high-risk AI systems[1]. For clinical research and medical device manufacturers, this deal has immediate consequences.

    The New Deadlines

    The original AI Act (Regulation EU 2024/1689) stipulated that high-risk obligations for standalone AI systems (Annex III) would apply from **August 2, 2026** – less than six weeks from now. For AI-based medical devices (Annex I, Article 6(1)), the deadline was **August 2, 2027**[1,2].

    The Omnibus postpones both:

    These are **long-stop dates**: even if harmonized standards are never confirmed, compliance is required by these deadlines[2].

    The Product Safety Exemption Debate

    The most contested issue was whether AI in CE-marked medical devices should be governed primarily by the AI Act or by existing product safety legislation (MDR/IVDR)[2].

    Germany and allied member states pushed for a product safety exemption, arguing that medical device manufacturers already undergo rigorous conformity assessment under MDR/IVDR – duplicative oversight creates unnecessary burden.

    The European Parliament resisted broad exemptions, arguing that the AI Act provides AI-specific requirements (data governance, transparency, human oversight) beyond what MDR/IVDR covers.

    The compromise: AI-based medical devices remain automatically classified as high-risk, but with practical simplifications[2]:

  • A **single conformity assessment procedure** covers both AI Act and MDR/IVDR
  • Notified Bodies can evaluate AI Act compliance in parallel with MDR/IVDR assessment
  • Technical documentation can be integrated rather than duplicated
  • Implications for Clinical Trials

    1. AI in patient recruitment: Annex III or not?

    AI systems used for patient-trial matching potentially fall under Annex III §5(a) – AI determining access to essential public services, including healthcare[3]. With the postponement to December 2027, sponsors and CROs gain an additional year of preparation time. However, Article 50 transparency obligations (labeling of AI interactions) apply from **August 2, 2026** and are unaffected by the postponement[1].

    2. AI as an investigational product: the research exemption problem

    An analysis published in *npj Digital Medicine* in January 2026 by Meszaros et al. reveals a fundamental problem: the AI Act's **research exemptions** distinguish between the development phase and scientific use – yet in modern AI research, these boundaries are increasingly blurred[4].

    Specifically: when an AI model interacts with real patient data within a clinical trial, is it still "in development" or already "put into service"? The authors warn of **regulatory arbitrage** – the strategic reclassification of AI systems as "research" to circumvent compliance obligations[4].

    3. Data governance and bias mitigation

    The Omnibus now explicitly permits the processing of personal data where strictly necessary **to detect and correct biases** in both high-risk and non-high-risk AI systems[1]. For clinical research, this is significant: bias audits of recruitment algorithms – checking demographic representativeness – are now legally protected.

    The Criticism: Deregulation Before First Enforcement?

    Not everyone welcomes the postponement. A position paper published in June 2026 by **European Digital Rights (EDRi), AlgorithmWatch, Amnesty International**, and other organizations describes the Omnibus as a "rollback of AI safeguards before they were even applied"[5].

    Key criticisms:

  • Harmonized standards as pretext: The absence of standards is no reason to postpone deadlines – industry has had preparation time since 2021.
  • Self-assessment as loophole: The ability for providers to self-assess their systems as "not high-risk" reduces accountability.
  • Product safety exemption as precedent: The exemption for machinery products could be extended to other sectors, hollowing out the AI Act[5].
  • The **Standing Committee of European Doctors (CPME)** also expressed criticism: in amendments from March 2026, the CPME demanded that AI in healthcare – particularly in diagnostics and treatment decisions – must **not** fall under the product safety exemption, as MDR/IVDR does not contain AI-specific transparency and bias requirements[6].

    The Research Perspective: What to Do Now

    A policy analysis published in *Frontiers in Digital Health* in June 2026 provides concrete recommendations for healthcare facilities[3]:

  • **Mapping:** Every AI system must be assessed against Article 6 – does it fall under MDR/IVDR (Annex I), Annex III §5(a), or is it out of scope?
  • **Integrated technical documentation:** A single technical file covering both MDR/IVDR clinical evaluation and AI Act Annex IV requirements.
  • **Data governance audit:** Representativeness of training data, bias testing, and GDPR Article 9 compliance for health data.
  • **Deployer obligations:** Hospitals as "deployers" must ensure human oversight, report serious incidents within 15 days, and conduct fundamental rights impact assessments[3].
  • Conclusion

    The EU AI Act Omnibus is a double-edged sword. The extended deadlines give clinical research urgently needed implementation time – particularly given that the first harmonized standard (prEN 18286 for quality management systems) entered public enquiry only in October 2025, eight months behind the original schedule[2].

    At the same time, the risk is real that the postponement functions as **de facto deregulation**. The next 12–24 months will reveal whether the industry uses the additional time for robust compliance – or whether the Omnibus merely relieves political pressure from the debate without substantively improving patient safety.

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    References

  • European Parliament. (2026, May 7). AI Act: deal on simplification measures, ban on "nudifier" apps. Press Release. https://www.europarl.europa.eu/news/en/press-room/20260427IPR42011/ai-act-deal-on-simplification-measures-ban-on-nudifier-apps
  • MedDeviceGuide. (2026, May 7). EU AI Act Omnibus Amendment 2026: Medical Device Impact Guide. https://meddeviceguide.com/blog/eu-ai-act-omnibus-amendment-2026-medical-device-impact-guide
  • Fontvera. (2026). EU AI Act for Healthcare: Medical AI Compliance 2026. https://fontvera.eu/intelligence/ai-act-healthcare
  • Meszaros J, Huys I, Ioannidis JP. (2026). Challenges in applying the EU AI act research exemptions to contemporary AI research. *npj Digital Medicine*. https://doi.org/10.1038/s41746-025-02263-0
  • European Digital Rights (EDRi), AlgorithmWatch, Amnesty International et al. (2026, June). The AI Omnibus: a rollback of AI safeguards before they even apply. https://ecnl.org/sites/default/files/2026-06/AI-Omnibus-analysis%20June%202026.pdf
  • Standing Committee of European Doctors (CPME). (2026, March 21). CPME Amendments on the Digital Omnibus on AI. CPME/AD(21032026)016. https://www.cpme.eu/api/documents/adopted/2026/03/cpme_ad_21032026_016.final.cpme.amendments.digital.omnibus.ai.pdf
  • Frontiers in Digital Health. (2026, June 10). The EU AI Act: implications and compliance guidance for healthcare facilities. https://doi.org/10.3389/fdgth.2026.1808373