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ctDNA-basierte MRD-Diagnostik: Molekulare Risikostratifizierung verdrängt klinisch-pathologische Kriterien in der adjuvanten Therapieentscheidung

by 21Stable Team

Die Frage, ob ein Patient nach kurativer Tumorresektion eine adjuvante Chemotherapie benötigt, gehört zu den schwierigsten Entscheidungen der klinischen Onkologie. Insbesondere im Stadium II des Kolonkarzinoms bewegt sich der absolute Überlebensvorteil einer adjuvanten Chemotherapie im niedrigen einstelligen Prozentbereich – bei gleichzeitig nicht vernachlässigbarer Toxizität. Die bisherige Entscheidungsgrundlage bildeten klinisch-pathologische Risikofaktoren wie Tumorgröße, Grading, Lymphgefäßinvasion oder Perforation. Diese Faktoren sind jedoch weder sensitiv noch spezifisch genug, um Patienten mit residueller Mikrometastasierung sicher zu identifizieren [1].

In den letzten Jahren hat sich die Analyse zirkulierender Tumor-DNA (ctDNA) als vielversprechender Biomarker für die minimale Resterkrankung (Minimal Residual Disease, MRD) etabliert. Das Prinzip ist biologisch plausibel: Nach vollständiger Tumorresektion sollte ctDNA innerhalb weniger Tage aus der Zirkulation verschwinden. Persistierende oder neu auftretende ctDNA-Signale weisen hingegen auf residuelle Tumorzellen hin und sind mit einem drastisch erhöhten Rezidivrisiko assoziiert [1,2].

Die DYNAMIC-Studie: Weniger Chemotherapie, gleiche Sicherheit

Die multizentrische, randomisierte Phase-II-Studie DYNAMIC (ACTRN12615000381583) markierte einen Meilenstein in diesem Feld. Tie et al. randomisierten 455 Patienten mit kurativ reseziertem Kolonkarzinom im Stadium II im Verhältnis 2:1 in zwei Arme: Im ctDNA-gesteuerten Arm (n=302) erhielten Patienten adjuvante Chemotherapie ausschließlich dann, wenn ctDNA 4 oder 7 Wochen postoperativ nachweisbar war. Im Kontrollarm (n=153) folgte die Therapieentscheidung den konventionellen klinisch-pathologischen Kriterien [1].

Das zentrale Ergebnis: Der Anteil der Patienten, die eine adjuvante Chemotherapie erhielten, sank von 28 % im Standardarm auf 15 % im ctDNA-gesteuerten Arm – eine relative Reduktion um 46 %. Entscheidend: Das 2-Jahres-rezidivfreie Überleben (RFS) war zwischen beiden Strategien vergleichbar. Die ctDNA-basierte Stratifizierung erreichte also eine deutliche Therapiedeeskalation ohne erkennbaren Sicherheitsverlust [1].

Vom Studienendpunkt zur klinischen Realität

Die Translation dieser Evidenz in die klinische Routine schreitet voran. Im August 2025 erteilte die FDA dem Haystack MRD®-Test die Breakthrough-Device-Designation – spezifisch für die Identifikation von MRD-positiven Patienten mit Kolonkarzinom im Stadium II. Der Test wird bereits an mehr als 75 führenden Krebszentren in den USA, Kanada und Australien eingesetzt [3].

Parallel läuft die DYNAMIC-III-Studie (ACTRN12617001566325), die das ctDNA-gesteuerte Konzept auf das Stadium III ausdehnt und prüft, ob Patienten mit negativem ctDNA-Befund von einer Therapiedeeskalation profitieren können, während ctDNA-positive Patienten eine Eskalation erhalten [3].

Über das Kolonkarzinom hinaus

Das Prinzip der dynamischen ctDNA-gesteuerten Risikoadaptation ist nicht auf eine Tumorentität beschränkt. Die EP-STAR-Studie (NCT04072107) demonstrierte kürzlich am Beispiel des Nasopharynxkarzinoms, dass eine ctDNA-getriebene, risiko-adaptive Behandlungsstrategie gegenüber einer konventionellen, statischen Therapie mit verbesserten Überlebensdaten assoziiert ist. Die on-treatment ctDNA-Clearance-Muster während der neoadjuvanten Chemotherapie erlaubten eine individualisierte adjuvante Therapieentscheidung, die sowohl Über- als auch Unterbehandlung vermeiden konnte [2,4].

Valenza et al. untermauerten diesen Ansatz in einer systematischen Übersichtsarbeit und Metaanalyse, die ctDNA-Clearance als prädiktiven Biomarker für pathologische Komplettremission unter neoadjuvanter Immuncheckpoint-Inhibition bei soliden Tumoren identifizierte [5].

Klinische Implikationen und offene Fragen

Die verfügbare Evidenz legt einen Paradigmenwechsel nahe: Die postoperative Therapieentscheidung wird zunehmend von statischen klinisch-pathologischen Kriterien auf dynamische molekulare Biomarker verlagert. Dennoch bleiben Herausforderungen: Die Standardisierung der ctDNA-Assays, der optimale Zeitpunkt der Blutentnahme sowie die Frage, ob ctDNA-negative Patienten tatsächlich vollständig auf eine adjuvante Therapie verzichten können, sind Gegenstand laufender Forschung.

Für die klinische Praxis bedeutet dies: ctDNA-basierte MRD-Tests sollten bei der adjuvanten Therapieentscheidung im Stadium II des Kolonkarzinoms zunehmend als fester Bestandteil des diagnostischen Algorithmus betrachtet werden. Die Daten rechtfertigen keine sofortige Abkehr von etablierten klinischen Risikofaktoren, aber sie verschieben das Gewicht der Entscheidungsfindung klar in Richtung molekularer Evidenz.

Key Findings

Postoperative ctDNA-based MRD testing represents a fundamental shift in adjuvant therapy decision-making in oncology. The DYNAMIC trial (n=455, stage II colon cancer) demonstrated that a ctDNA-guided strategy reduced adjuvant chemotherapy use from 28% to 15% – a 46% relative reduction – without compromising 2-year recurrence-free survival [1]. The clinical significance of this finding was underscored by the FDA's Breakthrough Device Designation for the Haystack MRD® test in August 2025 [3].

The concept extends beyond colorectal cancer: the EP-STAR trial in nasopharyngeal carcinoma showed that dynamic, ctDNA-driven risk-adaptive therapy improved survival outcomes compared to conventional static treatment strategies [2,4]. A meta-analysis by Valenza et al. confirmed ctDNA clearance as a predictive biomarker for pathologic complete response under neoadjuvant immune checkpoint inhibition across solid tumor types [5].

Taken together, these data support a transition from exclusively clinicopathology-based to molecularly informed adjuvant treatment decisions. The critical remaining question – whether ctDNA-negative patients can safely forgo all adjuvant therapy – is being addressed in ongoing trials including DYNAMIC-III.

References

  • Tie J, Cohen JD, Lahouel K, et al. Circulating Tumor DNA Analysis Guiding Adjuvant Therapy in Stage II Colon Cancer. *N Engl J Med*. 2022;386(24):2261-2272. https://doi.org/10.1056/NEJMoa2200075
  • Lv J, Zheng DX, Liang JH, et al. Risk-adaptive therapy guided by dynamic ctDNA in nasopharyngeal carcinoma. *Nature*. 2026;652:731-739. https://doi.org/10.1038/s41586-026-10244-w
  • DiEugenio J. FDA Grants Breakthrough Device Designation to Haystack MRD ctDNA Liquid Biopsy for Stage II CRC. *OncLive*. August 31, 2025. https://www.onclive.com/view/fda-grants-breakthrough-device-designation-to-haystack-mrd-ctdna-liquid-biopsy-for-stage-ii-crc
  • Lam WKJ, et al. Achieving control of nasopharyngeal carcinoma: the role of Epstein-Barr virus-based screening and vaccines. *Nat Rev Clin Oncol*. 2026;23:7-21. https://doi.org/10.1038/s41571-025-01079-x
  • Valenza C, et al. Circulating tumor DNA clearance as a predictive biomarker of pathologic complete response in patients with solid tumors treated with neoadjuvant immune checkpoint inhibitors: a systematic review and meta-analysis. *Ann Oncol*. 2025;36:726-736. https://doi.org/10.1016/j.annonc.2025.03.019